Nadia Rungger

Lyrik & Prosa, Ladinisch & Deutsch

 

Die Straße des Glücks

 

Hier ist das Glück! pries der Händler die Waren
Vier Euro das Stück! und sie kamen in Scharen
und wollten es kaufen
da sagte der Händler: fort müsst ihr laufen
weit weg müsst ihr gehen
um das Glück, das ihr hier alle habt
zu verstehen.

Das ist Betrug! schrien die Leute empört
Wir haben genug! Und wie es sich gehört
wollen wir das Geld zurück.
Halt! sagte der Händler: Wohl hattet ihr Glück
Denn mein Freund um die Ecke
- ihr könnt es mir glauben - verkauft es
fünf Euro das Stück.

 

 

 

L pitl Sce

 

Oh, cëla ma, n pitl
sce!
Tu ies ciumpedà sëuravia.

Sce
ne te ësses nia abù tan prëscia, l’ësses povester udù iló, a mesa streda.
Sce
te l’ësses udù, l’ësses povester ciacià demez, dan che l pudëss fé dann.

Ma tu ne l’es nia udù. Y nscila iel unì ite da té, te ti cë, chësc pitl sce.
Y l’à scumencià a mudé duc ti pensieres.
Tu ies for stata na persona, che tol dezijions zënza pensé do massa giut.

Ma śën?

Te n colp ne n’ies nia plu bon de fé n pensier zënza n pitl
sce.

Sce tu ne fosses nia tlo ncuei – pona fosses nzaul d’auter.

Ma ulà fosses’a?
Sce
Cie fajësses’a?
Sce
Cun chi fosses’a?

L ie n di sciche uni auter, ma la streda dan té ne semea nia plu tan scëmpla.
N pitl sce te ti cë.

L vën for plu scur y scur ntëur a té ite, nchina che te ne vëighes nia plu l fonz dan ti piesc.
For plu plan, plan mëtes un n pe dan l auter, ti vares vën for plu pitli y pitli.
Ulà porta pa chësc troi?
Deguna tofles che te dij, ulache n ruva, sce n va inant.
Y sce tu jisses nzaul d’auter?
Tu vëighes duc i pitli sce ntëur a té ite.

Sce sciche ti vëta dl ciauzel che devënta n pavël y jola su tl ciel – mé n sëmi?

Sce sciche na lingia de furmies, sciche una na furmia che va te n’autra direzion y zachei la schicia danter si dëic ajache: tu ves tla fauza direzion.

Sce sciche na gota foscia.

Te zitres. Te ies la gota foscia, tu ies na gota foscia tl mer y tu te pierdes.

Te pierdes danter mile y mile puscibelteies, danter mile y mile de chisc pitli
sce.

L ie mile y mile puscibelteies sun chësc mond.
Y de duta la puscibelteies che l ie, nen suzédel mé una. Mé una.

Tu ne ues nia plu jì inant.

Te ses, che sce dijes de sci a una na puscibeltà, dijes de no a mile d’autra puscibelteies.

Nchina che te ne toles nia na dezijion réstel dut puscibl.

L ie na ilujion, che tu tlames realtà. La ilujion de pudëi mantenì duta la puscibelteies.

Tu ies pià tl mond dl sce.

Te ies fërm, y te ne ses nia plu cie che l se lascia pië ite y cie che sfanta, canche ti man prova a l tuché.

L aier ntëur a té vën pesoch sciche ega, y l fla ne se lascia nia plu tré ite tan saurì.

Tu te rëndes cont, che la dezijion de ne tò nia na dezijion ie ënghe bele na dezijion.

Y pona fejes inò n var – y mo un – y mo un.

L ne n’ie nia plu tan scur.

L fosch ntëur a té ne n’ie nia plu

n fosch fosch fosch defin, ma n fosch tler, belau trasparënt.

Y canche te gëures i uedli, ie l mond inò dan té, l aier inò lesier.

 

Y l pitl sce?

 

L ie sautà ora de ti cë, tumà jù a mespies, burdlà ju sun streda, ulache l fova dant.

Y sce deguni ne n’ie mo nia ciumpedà sëuravia, iel for mo iló.

 

 

Das kleine Wenn

 

Oh, schau mal, ein kleines
Wenn!
Du bist darüber gestolpert.

Wenn
du nicht so in Eile gewesen wärst, hättest du es vielleicht gesehen, dort, auf dem Boden.

Wenn
du es bemerkt hättest, hättest du es vielleicht verjagt, ehe es Schaden anrichten könnte.

Aber du hast es nicht gesehen, und so ist es zu dir gekommen, in deinen Kopf hinein, das kleine Wenn.
Und hat begonnen, all deine Gedanken zu verändern.
Du warst immer jemand, der Entscheidungen schnell trifft.

Aber jetzt?

Du kannst keinen Gedanken mehr ohne das kleine Wenn machen.

Wenn du heute nicht hier wärst – dann wärst du irgendwo anders.

Aber wo denn?

Wenn –

Was würdest du machen?

Wenn

Mit wem würdest du sein?

Es ist ein Tag wie jeder andere, aber der Weg vor dir scheint nicht mehr so eindeutig.

Ein kleines Wenn in deinem Kopf.

Es wird immer dunkler um dich herum, bis du kaum noch deine Füße siehst.

Immer langsamer und langsamer setzt du einen Fuß vor den anderen, deine Schritte werden kleiner.
Wohin führt dieser Weg?

Keine Schilder, die dir sagen, wohin man kommt, wenn man in die Richtung weitergeht.
Und wenn du irgendwo anders hin gehen würdest?

WENN wie deine Schnürsenkel,

die Schmetterlinge werden und in den Himmel fliegen und ähnlich praller Wellen auf geschlossene Dächer klatschen und du zuckst zusammen – nur ein Traum?

WENN wie eine Ameisenstraße, wie eine Ameise die in eine andere Richtung geht und jemand nimmt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und drückt zu: du gehst in die falsche Richtung.

WENN wie ein schwarzer Tropfen

Du zitterst. Du bist der schwarze Tropfen, der schwarze Tropfen im Meer, und du verlierst dich.

Verlierst dich zwischen tausend und tausend Möglichkeiten, zwischen tausend mal tausend WENN’s.

Es gibt so viele Möglichkeiten auf dieser Welt.

Und von all diesen Möglichkeiten, geschieht eine einzige. Eine einzige.
Du willst nicht mehr weitergehen.
Du weißt, dass wenn du ja zu einer Möglichkeit sagst, du zu tausend anderen Möglichkeiten nein sagst.

Solange du keine Entscheidung triffst, bleibt alles möglich.

Es ist eine Illusion, die du Realität nennst.

Die Illusion, alle Möglichkeiten für dich zu behalten.

Du bist gefangen in der Welt des Wenn.

Du bist im Stillstand, und du weißt nicht mehr, was sich anfassen lässt und was schwindet, wenn deine Hand es zu berühren versucht.

Die Luft um dich herum ist schwer wie Wasser, und lässt sich nicht leicht atmen.

Du verstehst, dass es auch eine Entscheidung ist, wenn man sich weigert, eine Entscheidung zu machen.

Schließlich machst du wieder einen Schritt, und noch einen, und noch einen.
Es ist nicht mehr so dunkel.

Das Schwarz um dich herum ist nicht mehr schwarz schwarz schwarz, es ist ein klares schwarz, fast durchscheinend.

Und als du die Augen wieder öffnest, ist die Welt wieder vor dir, die Luft wieder leicht.

 

Und das kleine Wenn?

 

Es ist aus deinem Kopf gesprungen, auf den Boden gefallen, auf die Straße gerollt, wo es vorher lag.

Und Wenn noch niemand darüber gestolpert ist, liegt es immer noch dort.


k o n t a k t


Die Glühbirne

wir.die.gluehbirne@gmail.com

 


Kommentare: 1
  • #1

    Christa (Montag, 01 Juli 2019 10:44)

    Dieses "Wie wir leben" hat mich schon bei der Lesung in Bozen zutiefst berührt. Und wie sehr ich mich gefreut habe, über dieses große Talent Anna Parteli, ich hoffe sehr, noch viel von dir zu hören. Was heißt hier hoffen... bei diesem Talent bin ich mir ganz sicher!